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Salpeter, Mauersalpeter

Abb.1: Salpeter - Foto: Schmitz 2017 - Bild anklicken zum Vergrößern
Saloeter

Professor E. v. Mecenseffy, München schreibt in (N1,Seite 69): "Mauersalpeter bildet sich aus den faulenden Stickstoffkörper und dem freien Kalkhydrat des Mörtels."

"Der gemeiniglich in hiesigen Gegenden an Gebäuden vorkommende Mauerfrass ist Kalksalpeter. Zur Erzeugung desselben ist nichts weiter erforderlich, als stickstoffhaltige organische, also vorzüglich thierische Stoffe, und Kalkerde. der durch den Prozess der Fäulniss aus seiner Verbindung tretende Stickstoff verbindet sich, unter Mitwirkung des Ammoniums, das sich als Produkt der Verwesung entwickelt, mit dem Sauerstoffe der Luft, und so entstehet Salpetersäure, die alsdann sogleich sich mit der Kalkerde des Mörtels verbindet, und Kalksalpeter erzeugt." [33a, Seite 32]

Abbildung 1 zeigt die Innenseite einer stark mit Nitrat belasteten Kirchenmauer, an der sich durch von Außen eindringende Feuchtigkeit Mauersalpeter gebildet hat.

Salzbestimmung

Mauersalze kann man auch mit der Zunge am Geschmack bestimmen [87, Seite 45] :

Urinös oder alkalisch Kohlensaures Natron
Sehr bitter, scharf und unangenehm Salzsaurer Kalk
Bitter und widrig Salpetersaurer Kalk
Sehr kühlend und widrig Salpetersaures Natron
Erst frisch danach widrig Gemeiner Salpeter
Süßlich und zusammenziehend Gemeiner Alaun

Herkunft der Salze

Die stickstoffhaltigen organischen, also tierische Stoffe, die nötig sind, um mit dem Kalk der Mauer Mauersalpeter zu bilden, stammen aus dem Erdreich. Dorthin gelangten sie zum Beispiel in die Kirchenmauern durch die unmittelbar neben der Kirche liegenden Gräber oder in Häuserwände durch die früher herrschenden unvorstellbaren Zustände in den Straßen der Städte.

Schweine und andere Haustiere wurden in den Straßen der Städte gehalten. Speisereste, Unrat und Abwasser wurde auf die Straße geschüttet. Dazu kamen die Ausscheidungen der unzähligen Pferde, Hunde, sowie auch der Bewohner. Die Straße wurde als Abwasserkanal genutzt. Bei Regen blieben die Fuhrwerke in dem mehrere Fuß hohen Koth stecken. In Büchern und Zeitschriften aus jener Zeit findet man massenhaft Beschreibungen der damaligen Zustände, nachfolgend einige Ausschnitte:

"In den Strassen sieht es aber sehr schmutzig aus, nimmt man die wenigen neuen aus, so sieht man, daß in den übrigen täglich, zu jeder Stunde, Kehricht, was von den Speisen übrig bleibt, und andere Ekel erregende Gegenstände geworfen werden. Würden die vielen herrenlosen Hunde, die hier, wie in Konstantinopel, zu tausenden auf den Straßen herumlaufen, nicht etwas aufräumen, so müßten die Kothhaufen unübersteiglich werden. Die Sonne trocknet diesen Unrath aus, und die Fußtritte von Menschen und Vieh verwandeln ihn in ganz feinen Staub, den der sanfteste Wind in die Höhe treibt, Gehenden und Fahrenden in's Gesicht weht, und sie zu ersticken droht. Regnet es, so muß man durch tiefen Koth waten." [98, Seite 344]

"Um 1650 konnte es der Kurfürst nur durch wiederholte scharfe Befehle erlangen, daß ein ungeheuerer Kehrichthaufen, welcher sich in Cölln bei der Petri-Kirche aufgethürmt hatte, so daß er die Passage behinderte, entfernt wurde; in Berlin hatte sich auf dem Neuen Markte ebenfalls der Unrath so angehäuft, daß 1771 der Befehl erging, es solle jeder zu Markte kommende Bauer eine Fuhre Koth mitnehmen. 1680 stellte der Kurfürst einen Gassenmeister an, der täglich mit zwei Karren durch die Stadt fuhr und den vor den Häusern zusammengefegten Unrath aufladen mußte; wer vor seinem Hause nicht gefegt hatte, dem warf er den Koth in's Haus." [99, Seite 189] Auch in die Spree wurde soviel Unrath geworfen, daß 1644 der Kanal zum Neuen Markt verstopft war und einen unerträglichen Gestank verbreitete. "1681 mußten die Schweine in den Städten gänzlich abgeschafft werden"

1822: "Die Fuhrwerke jeder Art gerathen bei nasser Witterung in unglaubliche Noth. Es ist oft betrübt, oft lächerlich zu schauen, wie da Menschen, Rosse und Räder im tiefen Sumpfe umherkneten. Am schlimmsten daran sind die sogenannten Wasserbauern, welche auf ihren Wägen das Wasser, aus benachbarten Quellen, in Fässern nach der Stadt führen und eimerweise verkaufen. Nach starkem Regenwetter schlägt der Preis des Wassers beträchtlich auf, weil dabei jedes Mal mehrere Pferde zu Grunde gehen." [100, Seite 825]

Venedig 19. November 1808: "Schon lange klagten Einheimische und Fremde, daß die meist engen Strassen der Stadt Venedig mit tiefem Koth und Unrath angefüllt seyen, welcher durch seine giftigen Ausdünstungen der Gesundheit schadet. Unter Androhung von Geld und körperlichen Strafen sind nunmehr die Hauseigenthümer gehalten, dieselben täglich zu reinigen." [N2]

München Sonntag, 18.Juni 1843: "Gegenwärtig sind diese Straßen, vorzüglich die Kasernenstraße, zum Theil ganz uneben, zum Theil mit tiefem Koth bedeckt, über welche zu passieren mit großer Unannehmlichkeit verbunden ist." [N3, Seite 386]

Paris 1803: "...es ist doch nicht wohl möglich, stundenlange Wege auf den hiesigen schmutzigen Straßen zu machen. Ausser daß man auf denen ganz mit zähen Koth bedeckten Steinen, und bei dem unablässigen schmutzigen Gewühle, durch welches man sich in der Nähe der Häuser durcharbeiten muß, mit großem Zeitverlust, sehr ermüdet wird; erregt der Gestank der Straßen eine Uebelkeit und eine höchst unangenehme Empfindung im Magen..." [102, Seite 251]

Nutzung

In früheren Zeiten wurde das Salpeter benötigt um daraus das Schießpulver herzustellen.

Im Herzogtum Magdeburg gab es 1767 eine Salpeter-Verordnung, sie galt für alle Einwohner. Die Salpeter-Sieder waren von den Landesherren, Fürsten und Königen beauftragt im gesamten Herzogtum Salpetererde in Häusern, Scheunen Ställen usw. zu sammeln. Es war strafbar, die Salpeter-Sieder bei der Abkratzung oder Abholung zu behindern. An Wänden sollte nicht tiefer als 2 Zoll abgekratzt werden, in Gassen, Scheunen und Ställen nicht tiefer als 6 Zoll die Erde ausgegraben werden. Wollte man eine Wand oder ein Gebäudes abreißen, waren vorher die Salpeter-Sieder zu informieren, damit sie die Erde, die sie für brauchbar hielten, abholen konnten. Es war bei Strafe verboten Scheunen und Ställe zu pflastern oder mit Steinen, Schutt so wie Schlacke zu verfüllen. Es durfte nur Erde genommen werden, die die Salpeterproduktion förderte [105, Seite 517]

 


[33a] Friedrich Accum: Physische und chemische Beschaffenheit der Baumaterialien Band 1; G.Reimers Berlin 1826

[87] Adolph Christian Siemssen: Naturgeschichte des Hausschwammes, des Mauersalzes und des Mosaischen Häuser-Aussatzes; Karl Christoph Stiller Leipzig 1809

[98] Karl Friedrich Vollrath Hoffmann: Europa und seine Bewohner, Vierter Band; J Scheible's Verlags-Expedition Leipzig 1836

[99] Alexander Franz Wesseln: Berlin von der ältesten bis auf die neueste Zeit ; Verlag von Carl Lindow Berlin 1855

[100] Heinrich Zschokke: Ausgewählte Dichtungen, Erzählungen und Novellen ; Verlag Heinrich Remigius Sauerländer Aarau 1830

[102] Johann Friedrich Reichardt: Vertraute Briefe aus Paris geschrieben in den Jahren 1802 und 1803 ; B. G. Hoffmann Hamburg 1804

[105] Georg Jacob Gegels: Sammlung derer Kayserlichen, Chur- und Reichsfürstlich-Landesherrlichen Verordnungen und Rescripten, welche in Regierungs- Justiz- Cameral- und Finanz- auch Synodal- Militar- Policey- Oeconomie- und Commerziensachen, im Druck ergangen sind; Eßlingerische Buchhandlung Frankfurt und Leipzig 1772

[N1] Wilhelm Prausnit [Hrsg.]: Atlas und Lehrbuch der Hygiene mit besonderer Berücksichtigung der Städte-Hygiene; Verlag Lehmann München 1909

[N2] Augsburgischen Ordinari Postzeitung Nro. 285 Montag den 28.Nov. Anno 1808

[N3] Der bayerische Volksfreund München No.97 Sonntag, 18.Juni 1843

Seite 118